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O-Ton
Werner Tübke: Ich bin kein Agitator.
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"Wissen Sie", meinte Werner Tübke mal,
"wenn ich durch ein Museum gehe und mir die Arbeiten
eines anderen Künstlers ansehe, denke ich, den müsstest
du mal besuchen, und dann stelle ich fest, der lebt ja
gar nicht mehr!" Für ihn schien es keine unüberbrückbare
Zeitspanne zwischen den Künstlern der Frührenaissance
und der heutigen Zeit zu geben. Entsprechend "bediente"
er sich bei den altdeutschen und italienischen Meistern,
um einen auf seine Art realistischen Bildkosmos zu
schaffen. |
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"Der Künstler beginnt, den Weg
des Realismus zu verlassen"
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"Lebenserinnerungen
des Dr. jur. Schulze" in der Nationalgalerie
Berlin. Tübke thematisiert den Typus des
Nazirichters, der in der Bundesrepublik in Amt und
Würden blieb. |
Gegenwart war für den Künstler erinnerte
Vergangenheit. Den gesellschaftlichen Umbruch 1989
empfand er nicht als Bruch oder Einschnitt. Doch er
musste sich mit Vorwürfen auseinander setzen, ein
Auftragsmaler gewesen zu sein, der sich vom Zyklus
"Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung" (1960/1961)
über "Arbeiterklasse und Intelligenz" (1973) bis zum
monumentalen Bauernkriegspanorama, in die Programmatik
der DDR-Obrigkeit einfügte. Doch war seine Malerei von
Anfang nicht unumstritten. Im "Neuen Deutschland"
fürchtete Alfred Kurella 1967 aufgrund der
"Lebenserinnerungen des Dr. jur. Schulze" - Tübkes
eigentlich politisch korrektes Hauptwerk zu dieser Zeit
- der Künstler beginne, den Weg des Realismus zu
verlassen - formal gesehen. Zu der von 1965 bis 1967
entstandenen Folge gehören zwölf Ölbilder, 37
Zeichnungen und Aquarelle. Sein opus magnum sollte erst
noch folgen. |
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Das Panorama - Großes
Welttheater und eine Viecherei
1976 ließ sich Werner Tübke vom
Kulturministerium zu einem der größten Kunstprojekte des
Jahrhunderts verpflichten. Zu Ehren von Thomas Müntzer
und in Erinnerung an den Bauernaufstand sollte ein
monumentales Rundgemälde für die zu errichtende
Gedenkstätte auf dem Schlachtberg bei Bad Frankenhausen
entstehen. Dort war Müntzers letzter "Haufen" von einem
Adels- und Landsknechtsheer vernichtend geschlagen
worden, und dort wollte der Arbeiter- und Bauernstaat an
das erfüllte Vermächtnis der Aufständischen erinnern.
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Wie
entsteht Kunst? "Da muss der Dämon drin sitzen" -
O-Ton Werner Tübke. |
Elf Jahre sollten die Arbeiten an dem
Werk durch den Meister und viele Helfer dauern, 1987 war
das Panoramagemälde mit mehr als 3000 Figuren fertig und
der Maler mit seinen Kräften am Ende. Der eigentlichen
Arbeit waren sieben Jahre der Studien sowie
Modellzeichnungen vorausgegangen. Dann stand der Maler
täglich zehn Stunden auf den Gerüsten, eine "Viecherei".
Er schuf kein Schlachtgemälde, sondern einen
historisch-philosophischen Bildkosmos für eine ganze
Epoche und setzte so seine Vorstellungen gegen den
Auftraggeber durch. Sich selbst verewigte er im Bild als
Harlekin.
Der Kritiker Eduard Beaucamp
interpretierte das Werk mit dem Titel "Frühbürgerliche
Revolution in Deutschland" als großes "Welttheater". Das
14 x 123 Meter große Rundbild ohne Anfang und Ende
transzendiere die historische Wirklichkeit des
Bauernkrieges "in die Zeitlosigkeit der apokalyptischen
Entstehung der Welt oder deren Untergang". Über die
DDR-spezifischen Lebenserfahrungen des Künstlers hinaus
werde das Werk so zum Spiegel einer von Utopien
enttäuschten Übergangszeit. |
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"Ich zähle mich nicht zur
DDR-Kunst."
Am 14. September 1989 wurde das Panorama
Museum eingeweiht, zur Wende kamen Stimmen auf, die die
Schließung forderten und Tübke als Staatskünstler
schalten, der von Aufträgen gut gelebt habe. Tübke
entgegnete, unabhängig gelieben zu sein, gerade bei der
Arbeit am Panorama-Gemälde. |
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Tübke-Altargemälde
für die St. Salvatoris-Kirche in
Clausthal-Zellerfeld |
Nach der Wende arbeitete Tübke an zwei
großen Aufträgen; einem Bühnenbild für del Monacos
Neuinszenierung von Webers "Der Freischütz" in
Bonn(1990-1993) und an einem Flügelalar für die St.
Salvatoris-Kirche in Clausthal-Zellerfeld (1993-1996).
Außerdem entstanden viele eigenständige, meist
kleinformatige Gemälde mit typischem Personal, Narren
und Harlekine sowie Porträts. Auf die Frage, ob er
sich beschwert habe, dass auch seine Bilder in der
umstrittenen DDR-Kunst-Schau in Weimar 1999 auftauchten,
konterte er in seiner bekannt trockenen Art: "Nein, ich
registriere so etwas eigentlich nicht ... Ich zähle mich
nicht zur DDR-Kunst." |
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Handwerk und Kunst
Werner Tübke wurde am 30. Juli 1929 in
Schönebeck (Elbe) geboren. Dort machte er zunächst eine
Malerlehre und besuchte die Meisterschule für das
deutsche Handwerk in Magdeburg. Er holte 1947 das Abitur
nach, studierte dann bei Ernst Hassebrauk und Elisabeth
Voigt an der Leipziger Hochschule für Grafik und
Buchkunst (HGB). 1950 sattelte er auf Kunstgeschichte
und Psychologie um, das Studium an der Uni Greifswald
schloss er zwei Jahre später ab. |
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Der
tote Harlekin, 1978 (Bild: Bundesrepublik
Deutschland; Dauerleihgabe an die Stiftung
Moritzburg Halle) |
8 Uhr in der Leipziger
Schule
Von 1955 bis 1957 wurde er Assistent an
der HGB. Dorthin kehrte er nach einer längeren Periode
als freischaffender Künstler 1963 zurück. 1972 zum
Professor ernannt, trat er im März 1973 und bis 1976 die
Nachfolge von Albert Kapr als Rektor der HGB an. Lehrer
dort sei er sehr gern gewesen, sagte er rückblickend.
Ein strenger allerdings: "Es war sehr schön. Der
Unterricht begann um 8 Uhr. Im ersten halben Jahr kamen
die Studenten dann so 8.30 Uhr - und durften wieder
gehen." Gemeinsam mit Wolfgang Mattheuer und Bernhard
Heisig gilt Tübke als Begründer der Leipziger Schule,
deren besonderer, realistischer Malstil hohen
künstlerisch-handwerklichen Anspruch und
gesellschaftliche Analyse zu verbinden sucht.
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Reisen zu den
"Wahlverwandten"
Die elf Jahre währende und körperlich
zehrende Arbeit am Bauernkriegs-Panorama hatte Tübke
"seiner Gegenwart und Umwelt fast entfremdet". Um wieder
an Licht und Luft zu kommen, begab er sich immer wieder
auf Reisen in den Süden. "Den ganzen mediterranen Raum",
besonders Bella Italia betrachtet er als seine "wahre
künstlerische Heimat", die großen Renaissance-Maler als
seine "Wahlverwandten". 1971 war er das erste Mal nach
Italien gereist, der Mailänder Kunsthändler Emilio
Bertonati hatte die Wanderausstellung organisiert, die
Tübke international bekannt machte. |
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Abend
über Capri, 1980, Besitz des Künstlers, derzeit zu
sehen in Bad Frankenhausen. (Bild:
Panorama-Museum) |
"Faszination
Mittelmeer"
"Der Mensch – das Maß aller Dinge"
(1974–1975) heißt ein "unvollendetes" Bild des
Künstlers: Ein Fenster des Polyptychons blieb frei – in
bester Tradition des humanistischen Freidenkertums soll
der Betrachter die "Leerstelle" füllen. Nicht ein Gott
oder verschiedene "Götter", die Entdeckung der
"heidnischen" Welt und eines selbstbewussten Menschen
darin – für Werner Tübke waren das immer wiederkehrende
Motive.
Anfang Mai eröffnete das Panorama Museum
in Bad Frankenhausen die Werkschau "Faszination
Mittelmeer" mit Bildern aus mehr als 30 Jahren, die
Tübkes "Wahlheimat" zeigen. Zur Eröffnung konnte er
wegen seines Gesundheitszustandes nicht mehr kommen.
Gemalt oder besser gezeichnet hat er bis zuletzt, in der
Erinnerung an seine Reisen nach Italien. Werner Tübke
starb am 27. Mai 2004 im Alter von 74 Jahren in
Leipzig. |
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Wie war das, fühlten Sie sich
als Künstler früher mehr beachtet?
"Ich kann das so nicht
beantworten, weil ich das nie richtig registriere. Die
50er und 60er waren ganz schwierig für die Kultur.
Doch dann brauchte die DDR Valuta. Da ich Valuta
produzierte, hieß es: Sie müssen mal wieder nach
Frankreich oder Italien, malen. Ich bekam 15 Prozent des
Bildererlöses, der Staat 85. Auf diese Art hatte ich
aber Gelegenheit, Europa kennenzulernen, jung
genug."
(LVZ, 1999)
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Meinen Sie, dass es eine
DDR-Kunst gab? Wenn ja, gehört Ihr Werk dazu?
"Der Begriff DDR-Kunst ist bei
mir negativ besetzt. Ich verstehe darunter etwas nicht
zu Definierendes: nicht ganz modern, nicht ganz
altmodisch, ein bisschen plakativ, ein bisschen
optimistisch, sehr vereinfacht gemalt, aber nicht
expressiv, und ohne Substanz. Die Anfangsjahre waren
dabei am schlimmsten. Und: Ich zähle mich nicht zur
DDR-Kunst. Wenn man an die denkt, denkt man bestimmt
nicht an meine Bilder."
(LVZ, 1999)
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Leipziger Schule
"... hier gab es das Primat des
Zeichnerischen, die so genannte Leipziger Schule,
also nicht Berliner Vereinfachung, nicht Dresdner
Halbexpressives. Das begrenzte sich aber auf einen
relativ kleinen Kreis."
(LVZ, 1999)
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